RTL Dschungelcamp: Die beste Publicity ist und bleibt der eigene Nachruf

RTL Dschungelcamp
Photo by ITV
RTL-Dschungelcamp: Die beste Publicity ist und bleibt der eigene Nachruf

Ich bin ein großer Fan von den sogenannten „Reality Formaten“. Promi Big Brother, Global Gladiators und Die Auswanderer haben für mich großen Unterhaltungswert, denn die menschliche Psychologie bildet in dem Beruf des Schauspielers die Basis. Außerdem beobachte ich besonders gerne, wenn ich selbst unbeobachtet bleiben kann und das geht alleine vor dem Fernseher immer noch am besten.

Bei den diesjährigen Kandidaten beim RTL-Dschungelcamp muss man diesmal aber schon zweimal hingucken, woher man den einen oder den anderen noch kennt und man fragt sich, warum so wenig Schauspieler und so viele Ex-Teilnehmer-von-irgendwas mitmachen?

Na klar, weil es nur um Publicity und ums pure Überleben im Mittelpunkt zu bleiben geht.

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Ihr Promipartner – denken Sie sich einen aus – kommt, durch einen vierwöchigen Aufenthalt im Dschungelcamp gestählt, wieder nach Hause zurück. Leidenschaftlich begrüßen Sie ihn und lassen im Überschwang Ihre Zunge überall dorthin wandern, wo sie vielleicht nicht unbedingt hingehört, aber – eben durch große Leidenschaft beflügelt – phantasievolle Umwege in Gebiete nimmt, wo noch keine drei Tage vorher Mehlwürmer, Kakerlaken, Hodensaft und – im günstigsten Fall – Kamelfäkal durchgewürgt wurde. Sie unterlassen sofort diese Form der innigen Zuneigungsbekundung.

Zumindest fürs Erste.

Und jetzt mal ganz ehrlich: Kann alles wieder so sein, wie es einmal war? Können Sie wirklich vergessen, dass sämtliche Körperöffnungen Ihres Promipartners von Getier und Geschmeiß entweiht und zweckentfremdet wurden? „Ach was“, versuchen Sie sich zu beruhigen, „eine gute Beziehung muss das aushalten können“. Somit kann Ihr Dschungelpartner getrost davon ausgehen, dass dieser kleine Abenteuerausflug in die Niederungen der deutschen Fernseh- und Unterhaltungsindustrie alsbald vergessen und die körperliche Spielwiese wieder freigegeben ist. Alles vergessen und vergeben.

Aber für Ihren Partner, der Schauspieler, sind Sie nicht das Publikum und genau da liegt der Unterschied zu den diesjährigen Kandidaten.



Vor gut fünfzehn Jahren war das ZDF-Traumschiff – künstlerisch gesehen – mit dem gleichen Stigma unter Schauspielern genauso  belastet, wie heute das RTL-Dschungelcamp. „Arbeitet er noch als Schauspieler oder macht er schon Traumschiff?“, war damals die Kracherfrage unter Kollegen und ätzte über diejenigen, die dieses Sujet so hemmungslos bedienten und sich dumm und dusselig verdienten. Was früher das ZDF-Traumschiff war, ist eben heute das RTL-Dschungelcamp, denn auch da musste man als Schauspieler – zumindest textlich – sich einiges durch die Kehle gehen lassen.

Deshalb fiel auch die Entscheidung Ihres Partners beim diesem RTL-Spektakel teilnehmen zu wollen sehr schnell. Noch schneller war dann auch der Vertrag unterschrieben. „Der Mathieu (Carriere) und Winfried (Glatzeder) und haben das schließlich auch gemacht! Und? Hat es ihnen geschadet?“

Das vielleicht nicht. Aber hat ihr Publikum das vergessen? Ich fürchte nicht. Publicity gab es in jedem Fall und das ist doch gut? Wollen schließlich alle, oder? Richtig? Falsch. Was alle wollen, ist, einmal die Titelseite und Schlagzeilen machen. DAS ist Publicity.

Zum Beispiel Jens Büchner. Herr Büchner brachte es tatsächlich durch eine gelungene Aktion auf die Titelseite der BILD. Er starb. Der eigene Nachruf ist immer noch die beste Publicity, selbst wenn Mallorca-Jens mit seiner Aktion hier stark übertrieb und die Konsequenzen falsch einschätzte. Aber es nahm ihm keiner übel, denn er gehörte nun mal zu der Gattung der TV-Auswanderer, die sich getrost zu der Gruppe der Realityteilnehmer, Pornodarsteller, Sportler, Ex-Teilnehmer von irgendwas, Sänger und Sexexperten zuordnen lassen, die sich alles in den Medien erlauben können ohne, dass ihnen irgendjemand irgendetwas übel nehmen würde. Diese Spezies spielen sich selbst und nur sich selbst und niemand sonst und kommen mit jedem Quatsch durch. Hauptsache Publicity und jede Publicity ist gute Publicity, solange der Name richtig geschrieben wird.

Bei uns Schauspielern ist das aber eben ganz anders, denn uns darf uns so ein Fehltritt erst gar nicht passieren. Schon gar nicht das Ableben.

Man mag zu diesen Formaten stehen und die betreffenden Schauspielkollegen beurteilen, wie man will, aber Fakt ist: als Schauspieler bewegen wir uns ständig in einem Minenfeld, in einem aktiven Krisengebiet, wo überall Scharfschützen lauern. Eine einzige falsche Bewegung, ein verunglücktes Selfie in den sozialen Netzwerken gepostet, ein blöder Spruch oder schiefer Blick im falschen Moment – zack – sind wir für längere Zeit auf Eis gelegt. Kaum einer würde denken: „Naja, falsch beraten gewesen.“ Aber – paradoxerweise – falls der Kollege (Pardon: oder die Kollegin) tatsächlich einmal eine künstlerisch wertvolle Entscheidung getroffen haben sollte, lobt man wen?

Richtig, sein Management. Den Agenten. „Alles eine Frage des Geldes, jeder hat seinen Preis“, sagen jetzt bestimmt viele. Und der Erfolg hat viele Väter. Der Misserfolg war und bleibt immer die Vollwaise.

Und damit wären wir bei der entscheidenden Frage: Kann ein Schauspieler überhaupt noch ein Publikum von seinen schauspielerischen Qualitäten überzeugen, wenn er vorher ihm schon alle Ecken und Kanten seiner weniger bekannten Körperöffnungen vorgeführt hat? Diese Frage stellte ich kürzlich auf meinem Facebook Profil und die Antwort war zu siebenundneunzig Prozent ein klares NEIN.

Wenn wir Schauspieler – aus welchen Gründen auch immer – diese Untiefen des deutschen Privatfernsehens wandern, sind wir danach überhaupt noch in der Lage die so wichtige neutrale Erwartungshaltung eines Zuschauers einzufordern? Oder sieht er dann nur noch unsere nackten Hintern? Sind wir nach der Teilnahme an einem solchen Format schon so verstrahlt, dass wir letztendlich unsere Verbindung zum Publikum vollends zerstört haben? Letztlich muss jeder Kollege sich diese Frage selbst beantworten aber ist es wirklich hauptsächlich der Grund, sich den Herausforderungen stellen zu wollen und die eigenen Grenzen überschreiten zu wollen? Löblich aber ich bezweifle das, denn wer will mit Anfang Fuffzig sich oder anderen noch etwas beweisen müssen?

 

Jochen Horst, Januar 2019

Autor des neu erschienen Buches “Spielen amerikanische Schauspieler einfach besser?“ Ein unterhaltsamer Blick in die Welt des deutschen Fernsehens.

 


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